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Anstöße des Chiapas-Aufstandes für die Geschichtssehreibung[1]

 

 

Carlos Barros

Universidad de Santiago de Compostela

 

Ich möchte den Aufstand der Zapatistas von 1994 mit drei grundlegenden Fragen in Zusammenhang bringen, die heute unter Historikern und anderen Sozialwissenschaftlem diskutiert werden: der Rückkehr des Subjekts, der Krise der Fortschrittsidee und der Postrnoderne, die für viele ihren Kredit noch immer nicht verioren hat.

 

1. Chiapas bezeichnet die Rückkehr des gesellschaftlichen Subjekts in die Geschichte und die Geschichtsschreibung. In Spanien - und ich denke, dass sich dasseibe für Lateinamerika und andere 0rte sagen lässt - wurde in den sechziger und siebziger Jahren das Studium der Konflikte, Aufstände und Revolutionen mit großer Aufmerksamkeit betrieben. Danach, in den achtziger Jahren, verebbte das Interesse der Historiker für diese Themen, in Lateinanierika zweifellos weniger als in Europa. Jetzt, in den neunziger Jahren, erleben wir - wenn auch mit geringerem militanten Anteil als vor zwanzig Jahren - einen Aufschwung dieses Interesses in der spanischen Geschichtsschreibung, obwohl in unserem Land keine mit Mexiko und Frankreich vergleichbare Rückkehr des gesellschaftlichen Subjekts in die Geschichte stattgefunden hat - Beweis für den wachsenden Einfluss des globalen Kontextes: Wir erleben dank der neuen Komrnunikationsmedien als nah, was in den entferntesten Gegenden geschieht.

 

Ich möchte drei Momente benennen, welche die Rückkehr des gesellschaftlichen Subjekts in den neunziger Jahren bedingen. Erstens die Revolutionen in Osteuropa zwischen 1989 und 1991, mit der ausschlaggebenden Beteiligung der Massen auf der Straße sowie einigen prodemokratischen und prokapitalistischen Zielen. Zweitens den Aufstand von Chiapas 1994, init einigen ebenso prodemokratischen, jedoch dem Neoliberalismus entgegengesetzten Zielsetzungen, wodurch klar wird, dass es sich um einen Wendepunkt handelt - was etwa durch den Volksaufstand in Albanien von 1997 bestätigt wird, der eine den Ereignissen von 1989 bis 1991 entgegengesetzte Tendenz hat: gegen die Banken-Hierarchie, die durch den mafiosen Kapitalismus der neucn Nomenklatura installiert wurde. Drittens die jüngsten sozialen Bewegungen in Frankreich zwischen 1995 und 1998, von den Mobilisierungen der Studenten und der Angesteilten in Öffentlichen Dienst gegen die neoliberale Politik Alain Juppés im Dezember 1995 über die großen Demonstrationen gegen das Gesetz Debré und gegen den Front National, die an den Mai '68 erinnerten und den überraschenden Wahisieg Lionel Jospins und der pluralen Linken bewirkt haben, bis hin zum organisierten Aufstand der Arbeitslosen - zum ersten Mal - von 1998. Die neuen sozialen Bewegungen in Frankreich gaben den sozialen Kämpfen gegen den Neoliberalismus - und damit der Universalität des Chiapas-Aufstandes - Recht und weiteten site aus. Frankreich ist Europa und außerdem - seit den Zeiten von Marx - ein gutes Thermometer, utn die Temperatur der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Welt zu messen.

 

In den sozialen Aufständen der neunziger Jahre stoßen wir auf etwas Erstaun- liches - wir, die wir unser Bildungserlebnis dem französischen Mai verdanken, auch wenn er in meinem Fall der madrilenische Mai war: ein neuartiges Verhältnis von sozialer Mobilisierung und Regierungswechsel.[2] Nach dem Mai gewann der Gaullismus die Wahlen, aber in Folge der aktuellen sozialen Mobilisierungen in Frankreich gewann die politische Linke - die sich jetzt Mühe gibt, diesen Sieg zu verdienen -, und in Albanien fand die durch den Volksaufstand offenbar gewordene Krise ihre Lösung ¡m Wahlsieg der ehemaligen Kommunisten. In Mexiko lässt sich dieses Phänomen bislang nicht feststellen, vielleicht weil der Volksaufstand nicht den nötigen Umfang gewonnen hat, obwohl doch der Sieg Cuautémoc Cärdenas in Mexiko Stadt eine Menge mit der Revolution von Chiapas zu tun haßen dürfte.

 

Es ist offensichtlich, dass diese neue Verbindung zwischen sozialer Rebellion und Wahiergebnissen zugleich die Krise des westlichen politischen Systems zeigt; es fehlt ihm an Formen politischer Beteiligung jenseits des Wahlrechts alle vier Jahre, und die Krise bekräftigt - im Blick aufs 21. Jahrhundert - die Notwendigkeit einer Kornbination von repräsentativer Demokratie und direkter Demokxatie, wie der Neozapatismus dies antizipiert hat.

 

Die Wiederkehr der groß3en Demonstrationen in den neunziger Jahren ist ein allgemeines Phänomen. Zu erwähnen sind auch - wenn wir innerhalb der westlichen Welt bleiben - diejenigen, die in Belgien gegen die Kinderschänder und deren politische Komplizen stattgefunden haben; die Million schwarzer Männer und Frauen, die in den USA demonstrierten; die sechs Millionen Spanier, die im Juli 1997 gegen den Mord an Miguel Ängel Blanco auf die Straße gingen (die großte Demonstration in der spanischen Geschichte). Das 2 1. Jahrhundert kündigt sich als ein Jahrhundert der Massen an, wie schon das zu Ende gehende Jahrhundert ein solches war, freilich auf andere Weise.

 

Für die Geschichtsschreibung des Jahrhundertendes ist diese Rückkehr des gesellschaftlichen Subjekts eine große Neuheit, weil bisher mit der Rede von der >Rückkehr des Subjekts< eher ein individuelles, politisches, narratives Subjekt gemeint war, keinesfalis ein kollektives, eines der Masse, der >einfache Mann< - Begriffe, die durch die Geschichte und die Geschichtsschreibung als Vorstellungen des historischen Materialismus und der Annales-Schule der sechziger und siebziger Jahre überholt schienen. Allerdings ist, was Vergangenheit scheint, nicht seiten Zukunft, die sich bekanntlich niemals wiederholt, es sei denn ais Farce.

 

2. Das naive Vertrauen in die Idee des geradlinigen und unbegrenzten Fortschritts ist seit langern in einer Krise. Wir wissen, dass die technologischen und ökonomischen Fortschritte nicht automatisch die Glückseligkeit der Menschheit bewirken. Der technische Fortschritt führte die großen Kriege mit sich, die Zerstörung der Umwelt und die Marginalisierung der >Dritten Welt<, die jetzt zur >Ersten Welt< gehört. Rasch wurde der Gedanke eines Fortschritts durch Gesellschafts- veränderung entwertet und das >Ende der Geschichte< ausgerufen: das Schlüssel- datum ist 1989. Und dann der 1. Januar 1994, der für viele den Wiederbeginn der Geschichte bedeutet, sofern man sie als Fortschritt versteht.

 

Das Leitparadigma der Historiker des 20. Jahrhunderts, das besagte, dass unsere Funktion im Studiurn der Vergangenheit bestehe, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu konstruieren, wurde in letzter Zeit in zwei Rie

tungen problematistert: Entkoppelung Vergangenheit/Gegenwart und Entkoppelung Vergangenheit/Zukunft. Einerseits haben wir einen Aufschwung des Akademismus, des Individualismus und des Des-Engagements erlebt, das, begleitet von allerlei »Post-«, uns entschieden von den Beunruhigungen der Gegenwart ablenkt. Andererseits leiden wir an einem Desinteresse an der Zukunft, das für uns schwerwiegender ist als das Zurückbleiben gegenüber dem Aktuellen, weil das >Einheitsdenken< die Zukunft als etwas von der Gegenwart gänzlich Verschiedenes negiert, weil es für viele Jugendliche in Ländern wie Spanien sowie überhaupt für die Benachteiligten auf der ganzen Welt die Perspektive einer besseren Zukunft nicht mehr gibt. Habermas brachte das, sich auf Benjamin beziehend, so zurn Ausdruck: »Die Erwartung des künftigen Neuen erfüllt sich allein durch das Eingedenken eines unterdrückten Vergangenen.« (1985, 21) Und Marcos schrieb in, El País vom 29. März 1995, in einem Artikei mit dem Titel Laflor prometida (Die versprochene Blume), als Antwort auf die spanischen Intellektuellen, die eine politische Lösung für Chiapas gefordert hatten: »und wir hatten unsere Geschichte nur, urn uns zu verteidigen ... ein Land das seine Vergangenheit vergisst, kann keine Zukunft haben ... wir setzen auf die Gegenwart, un eine Zukunft zu haben; und um zu leben, sterben wir«. Marcos stimmt also, vom Standpunkt seiner gesellschaftlichen und politischen Praxis, mit Haberinas und Benjamin überein. Ich weiß nicht, ob er sic gelesen hat, aber diese Übereinstimmung des Chiapas-Aufstandes und der Frankfurter Schule markiert unter anderem die Bedeutung der Traditionen des heterodoxen Marxismus für die künftige Debatte.

 

Vom Standpunkt historiographischer Praxis habe ich bereits darauf hingewiesen (Barros 1995), dass angesichts des neuen Paradigtnas der Geschichte das Verhältnis Vergangenheit/Zukunft - einer Zukunft bar aller ehernen Notwendigkeiten oder Messianismen-wichtiger ist als das Verhältnis VergangenheiVGegenwart; denn ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft, und die Zukunft der Geschichte hängt davon ab, dass die Geschichte sich Gedanken macht um die Zukunft.

 

Wie immer der Aufstand von Chiapas schließlich ausgehen wird, sein Beitrag zum Schreiben der Geschichte ist bereits untilgbar; er hat den Begriff der geschichtlichen Zeit selbst verändert, die weder zyklisch ist, wie es die Tradition wollte, noch deterministisch linear, wie wir es vor zwei Jahrzehnten glaubten: Sie ereignet sich in Sprüngen, ohne Netz - das ist das Beispiel der Indios von Chiapas, die sich aufmachten, die Welt zu verändem, ohne zu wissen, was der kommende Tag für sie bereithielt, und dem Engel der Geschichte begegneten.

 

3. Es wurde gesagt, dass der Aufstand von Chiapas das beste Beispiel einer »postmodemen Guerilla« sei. Allerdings wäre er dann etwas, was seine Protagonisten gerade ablehnen, und zudem scheinen Volksaufstände nicht gerade ein Merkmal des Postinodernismus zu sein. In der Tat ist der Aufstand postmodem aufgrund seines Antidoginatismus und seines kritischen Talents (insofern sind wir freilich alle postmodern); allerdings wendet er sich in keiner Weise gegen den Moderne-Diskurs und die Aufklärung (was gerade das bestimmende Grundelement des wirklichen postmodernen Denkens ausmacht), welche die Veränderung der Gesellschaft mittels der Vemunft und der Revolution beansprucht - die Zapatistas stehen für die Wiederkehr der Moderne (oder besser noch: die Suche nach einer anderen Moderne), weshalb man sie als neue Aufklärer kritisiert hat, weiche die Dreieinigkeit von »Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit« zur Achse ihres Kampfes gemacht haben, vergleichbar der Französischen Revolution.

 

Auch ist die EZLNI[3] nicht postmodern, wenn sie die Fragmentierung des geschichtlichen Subjekts bekämpft, indem sie in Mexiko eine oppositionelle Front oder ein »intergalaktisches« Treffen mit Leuten aus der ganzen Welt organisiert.

 

Nach diesem Abstecher, mit dem umnittelbare Geschichte, Geschichtsschreibung und Geschichtsphilosophie in Zusammenhang gebracht wurden, frage ich abschiießend nach den mög1ichen Szenarien für das Schreiben von Geschichte im 2 1. Jahrhundert, von denen sich m.E. drei unterscheiden lassen:

 

1.  Das neue Paradigma kann die Fortsetzung der Fragmentierung sein, der auf die Spitze getriebene Eklektizismus, das     Nichts, wie es die reine Lehre des Postmodemismus vorschlägt.

2. Das neu'e Paradigma kann sich ais Gang zurück herausstellen, ins 19. Jahrhundert, hin zu einer gelehrten, positivistischen Geschichte, in Entfernung von der Welt, oder hin zu einer Geschichte, die sich mit der Literatur identifiziert, oder beides zugleich.

3.        Das neue Paradigma kann in einer schöpferischen Synthese aus Moderne und Postrnoderne, den großen Schulen der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts und den neuesten innovatorischen Tendenzen bestehen. Zweifellos die wahr-scheinlichste und attraktivste Lösung.

 

Ich nehme an, dass diese neu-alte Geschichte besser - besser als die neueste oder die älteste - mit den Herausforderungen der globalen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zusammengeht. In meinem bereits erwähnten Beitrag zum Ersten Internationalen Kongress »Historia a Debate« (Santiago de Compostela 1993) vertrat ich die Auffassung, dass die neunziger Jahre sich eher als die achtziger für die Herausbildung eines neuen Paradigmas eigneten, d.h. für einen neuen Konsens darüber, wie der Beruf des Historikers auszuüben ist, der die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts nicht in Bausch und Bogen verwirft. Man hielt mir meinen Optimismus vor, aber die Wirklichkeit gibt mir Recht. Dank Chiapas.

 

 

Aus dem Spanischen von PeterJehie

 

 

Literaturverzeichnis

 

Barros, Carlos, 1995: »La historia que viene«. In: Historia a debate, Bd.1, Santiago de Compostela

Habermas, Jürgen, 1985: Der philosophische Diskurs der Modeme. Frankñut/M

 



[1] Überarbeitete Fassung eines Vortrags mit dem Titel »Chiapas und die Schrift der Geschichte«, gehalten im April 1998 in Universitäten in Mexiko Stadt und San Cristóbal de las Casas.

 

[2] Dieses neue Verhältnis zwischen Demokratie und Aufstand dementiert - und hebt dialektisch auf - sowohl die antirevolutionären Positionen der klassischen Sozialdemokratie wie die antidemokratischen Positionen des orthodoxen Kommunismus.

 

[3] Ejército Zapatista de Liberación Nacional - wörtlich: Zapatistische Armee nationaler Befreiung. - Die realistischste Verortung der Bewegung der Zapatistas mit ihren vormodernen, modernen und postmodernen Merkmalen wäre diejenige in einem erst umrisshaft zu erkennenden Post-Postmodemismus.